Wie wir in diesen Zeiten gute Eltern sein können – Oder: “Verteilen Sie einfach weiter Erdnüsse.”

Erschienen im November 2020

Die Angst, in der Erziehung etwas falsch zu machen, nicht gut genug aufzupassen, zu viel zu erlauben, zu viel zu verbieten, zu streng zu sein, zu locker zu sein usw. ist momentan unglaublich groß. Was höre ich?

  • „Auch wenn es gesetzlich erlaubt ist: darf mein Kind das machen, ist das ok?“
  • „Überall mit Maske – ist das nicht zu viel für die Kinder?“
  • „Aber mit irgendwem müssen wir uns doch treffen! Wir drehen sonst durch!“
  • „Glaubst du, die Kinder nehmen großen Schaden von dieser Zeit?“
  • „Ich weiß manchmal nicht mehr, was richtig und falsch ist.“

Es SIND momentan schwierige Zeiten für Familie. Das ist unumstritten. Und es ist ganz normal, dass wir das spüren, dass wir manchmal Angst haben und uns unsicher fühlen. Doch was ist dann zu tun? Wir Eltern sind der Anker… Oder anders ausgedrückt: Die Flugbegleiter!

Die amerikanische Autorin Glennon Doyle schreibt in ihrem aktuellen Buch sinngemäß zitiert folgende Geschichte (dabei geht es zwar um ein ganz anderes Thema, nämlich die Trennung von ihrem Mann, die Geschichte passt aber auch zu unsere aktuellen Lage): Als sie ihrer Freundin erzählte, das sie sich Sorgen mache, die Kinder nehmen Schaden und sie manchmal nicht mehr wisse, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten solle, antwortet ihre Freundin folgendermaßen: Ihr seid ein Flugzeug und das Flugzeug ist gerade in Turbulenzen. Was tun wir, wenn ein Flugzeug in Turbulenzen ist? Wir Passagiere schauen auf die Flugbegleiter. Wenn diese nervös werden, werden es die Passagiere auch. Wenn sie ruhig bleiben, können wir auch ruhig bleiben und kommen vermutlich gut durch diese turbulente Zeit. Sie rät ihr zum Schluss: „Your job right now is to stay calm, smile—and keep serving the freaking peanuts.“ (Liz to Glennon, Quellenangabe siehe unten: Doyle, 2020).

 

Erdnüsse… Wie bitte? Übersetzt für Eltern im Corona-Jahr 2020 würde ich das so interpretieren:

1 Seien Sie klar und fest (ein Anker eben), aber vermeiden Sie Kontrolle und Bestrafung. Oder: Reichen Sie weiter lächelnd Erdnüsse. 😊

Als Eltern ist man manchmal blind, geblendet von den eigenen Ideen und Vorstellungen, so dass wir übersehen, dass unser Kind eine ganz eigene Person ist. Gerade, wenn die Zeiten etwas herausfordernder sind (was das momentan bedeutet, muss ich nicht erklären), reagieren wir dysfunktional. “Dysfunktional”… das heißt: Wir machen das, was man macht, wenn es kritisch wird. Nämlich: Wir reagieren zu schnell, zu hart, zu laut, zu impulsiv oder zu spät, zu unklar, zu halbherzig.

Also drohen wir, ohne es zu wollen, wir strafen und disziplinieren, so dass am Ende das Verhalten unserer Kinder oft richtig abhängig ist von unseren Belohnungs- oder Bestrafungsaktionen. In dem Sinne „das mache ich, sonst bekommen ich nicht… oder  das mache ich nicht, sonst darf ich nicht.“ Dass das Quatsch ist und so nicht funktioniert, wissen wir ja spätestens dann, wenn wir folgenden Gedanken zu Ende denke: „Werden alle Kinder, die diszipliniert bzw. bestraft werden, brav und so wie wir es wollen?“. Nein, eben.

Geben Sie Perfektionsgedanken auf, senken Sie Erwartungen, lösen Sie sich von alten Mustern und Zwängen.

Kinder brauchen Klarheit und Geduld – keine Halbherzigkeit und kein Härte (Juul, 2011).

2 Bleiben Sie locker und beweglich (ein Anker eben) und vermeiden Sie Kontrolle und Überfürsorge. Oder: Reichen Sie weiter lächelnd Erdnüsse. 😊

Kinder sind wahre Meister der Anpassung. Lesen Sie die Hinweise, die Ihnen Ihr Kind gibt, ob es ihm gut, schlecht oder okay geht. Achten Sie auf Anzeichen von Stress oder Angst, aber: Trauen Sie Ihrem Kind zu mit der Situation umgehen zu können! Projizieren Sie nicht Ihren Stress auf Ihr Kind.

Ja, es stimmt, dass Pandemien, Lockdowns, Quarantäne, Isolation, Schulschließungen und all das kann und wird bei machen Kindern mittelfristig ihre Spuren hinterlassen. Aber nicht automatisch. Es gibt sogenannten Risikofaktoren (dann wird ein Schaden wahrscheinlicher) und es gibt Schutzfaktoren (damit übersteht man schwierige Zeiten gut). Ein Schutzfaktor ist zum Beispiel die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes. Also: „ich fühle mich selbst wirksam, ich weiß, ich kann etwas bewegen – innerlich oder äußerlich“. Das müssen Kinder aber lernen und erfahren, dass sie das können.

Eltern fühlen sich manchmal hilflos, wenn Sie nicht die Kontrolle über die Situation oder Entwicklung Ihres Kindes haben. Glauben Sie an Ihr Kind! Vertrauen Sie in Ihr Kind und in seine wunderbaren Fähigkeiten, sich anzupassen (Tsabary, 2017).

Oder wie Shafali Tsabary (2017) schreibt: „Die meisten Konflikte mit unseren Kindern beziehen sich auf Aspekte des Lebens, die eher trivial und nicht wirklich wichtig sind. Wir bauschen Unwichtiges auf und verpassen dabei, was für die kindliche Entwicklung wirklich zählt.“

3 Bilden Sie eine Herde – auf Distanz! Oder: Sorgen Sie für Erdnuss-Nachschub.

Wir Menschen sind soziale Wesen und wurden seit Hunderttausenden von Jahren gelehrt, dass Herdenbildung in Gefahrensituationen das Überleben sichern kann. So wie bei den Gazellen, wenn sich ein Löwe nähert. Das ist jetzt anders und das müssen wir alle erstmal klar kriegen im Kopf – und in unserem Verhalten.

Trotzdem möchte ich betonen, wie unglaublich wichtig eine Herde gerade jetzt ist. Das Gute ist ja, dass wir eben keine Gazellen sind, sondern Menschen im 21.Jahrhundert: Mit Kommunikations- und Verbindungsmöglichkeiten, die auch jetzt eine soziale Unterstützung ermöglichen. Suchen Sie sich Menschen, mit denen Sie über Ihre Ängste und Sorgen sprechen können – Ihre Kinder sind dafür nicht der richtige Ansprechpartner. Jetzt mit Freunden oder Verwandten zu sprechen, per Telefon oder Video, mit Abstand spazieren zu gehen usw. ist sehr, sehr wichtig für Ihre seelische Gesunderhaltung. Wir brauchen den Schutz unserer Herde – das geht auch mit Distancing-Maßnahmen!

Das ist gesund, das ist wichtig und sowas wie ein Nachschub an Erdnüssen.

4 Was brauchen Sie selbst, um ein Anker sein zu können? Oder: Wer könnte Ihnen Erdnüsse reichen? Oder lieber Cracker?

Fragen Sie sich selbst:

  • Habe ich heute überhaupt schon in mich „reingehört“? Bin ich überhaupt schon zur Ruhe gekommen heute? (Das klingt wie Therapeutengeschwätz. Und das ist es ja auch. Es ist aber ist aber auch eine sehr effektive Technik, um herauszufinden, wasIN MIR so los ist).
  • Denn nur dann kann ich herausfinden, was ich brauche, um ein guter Anker sein zu können.
  • Und: Erlaube ich mir selbst auch mal eine Belohnung, etwas Schönes? Kümmere ich mich gut um mich selbst? Und wie kann ich gut dafür sorgen, das sich auch mal jemand um mich kümmert?

5 Bitte, bitte, bitte (ich werde nicht müde, das zu schreiben): Reduzieren Sie Ihren Medienkonsum und verlassen Sie ungute, Stress verursachende Chats, Foren und Gruppen. Halten Sie vor allem Schreckensnachrichten und verunsichernde Berichte von Ihren Kindern fern. Seien Sie ruhig ehrlich (dem Alter des Kindes entsprechend natürlich) und verstellen Sie sich nicht. Sagen Sie, dass es momentan nicht alles so easy ist, dass aber wieder bessere Zeiten kommen werden und Sie auf jeden Fall mit Ihrem Kind gemeinsam da durchgehen.

Und verteilen Sie dann weiter Erdnüsse.

 

In diesem Sinne: Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)
Herzlichst
Birgit Berthold
Dipl. Psychologin

Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

 

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen auf www.kimapa.de
Hinweis: Alle Zitate und Beispiele sind so abgewandelt, dass Rückschlüsse auf Personen und Fälle nicht möglich sind.
Quellen:
Doyle, Glennon: Untamed (English Edition), 2020.
Juul, Jesper: Die kompetnete Familie – Neue Weg in der Erziehung. 2011.
Tsabary, Shefali: The Awakened Family: How to Raise Empowered, Resilient and Conscious Children (English Edition), 2017.
Tsabary, Shefali: Mit Respekt und Liebe erziehen: Warum Bestrafung bei Kindern nicht hilft und was Sie stattdessen tun sollten, 2016.
Von | 2021-01-25T14:38:59+00:00 Januar 24th, 2021|Uncategorized|0 Kommentare