„Na, heute schon ausgeflippt?“ – Das Eltern-Homeschooling-Burn-Out.

Erschienen im Januar 2021

Irgendwo in Bayern. Tag 2 des Homeschoolings im Januar 2021.

Heute haben mich 5 (in Worten: FÜNF) Mütter angerufen oder angemailt. Was alle vereint: Sie waren bereits an Tag 2 am Rande des Homeschooling-Wahnsinns. Zwei davon haben geweint als ich mit ihnen am Telefon gesprochen habe.

  • „Ich bin so dünnhäutig, ich flippe bei jeder Kleinigkeit aus.“
  • „Ich bin gestresst, obwohl doch die Kinder so viele Aufgaben haben!“
  • „… ich habe keine Kraft, ich bin richtig verzweifelt.“
  • „Ich bin gerade komplett explodiert.“

Die Sache ist die: auch ich hatte zu dem Zeitpunkt meine Balance und Nerven irgendwo zwischen den Arbeitsaufträgen der 1. und 4.Klasse verloren. Und fühlte mit ihnen. Und allen anderen, die sich zwischen homeschooling, home office, home cooking, home cleaning, home shopping, home work out momentan zerreißen.

  • „Ich habe das Gefühl, ich koche den ganzen Tag für fünf Leute und drucke Arbeitsblätter aus.“
  • „Wenn wir mit dem Schulzeug endlich fertig sind, fange ich mit meiner Arbeit ja erst an… ich bin müde!“
  • „Ich kann manchmal keinen klaren Gedanken mehr fassen, ich bin durch.“
  • „Ich raste schon bei der kleinsten Streiterei meiner Kinder aus.“
  • „Ich bin doch kein IT Techniker, jeden Tag diese technischen Probleme.“

 

Es ist die Situation, die Herausforderung, die uns an den Rande des Wahnsinns treibt.

Ich möchte unbedingt betonen, dass es wirklich äußerst selten vorkommt, dass Eltern (in der Regel sind es bei mir die Mütter) sich über die Kinder beschweren. Den allermeisten Eltern, mit denen ich spreche, geht es dabei nicht um die akademische Karriere der Kinder, sondern einfach darum, nicht den Anschluss zu verlieren, ihnen keine Chancen zu vermasseln, weil SIE SELBST nicht gut genug waren im Unterstützen ihrer Kinder. Und darum, als Familie irgendwie unbeschadet durch diese Zeit zu kommen.

  • „Bin ich eine schlechte Mutter, mache ich zu viel Druck?“
  • „Bin ich eine schlechte Mutter, nehme ich das alles zu ernst?“
  • Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich sage, Reli und Kunst sind egal?“
  • Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich der Lehrerin schreibe, dass es MIR zu viel wird und wir nicht alles schaffen?“

Dazu kommen die Sorgen um Finanzen, Gesundheit, Lebenspläne und die Zukunft. Ich gehe fest davon aus, dass alle Eltern ihre Kinder „richtig“ und sogar „richtig gut“ erziehen möchten. Nur ist es manchmal so viel, so verfahren, so unübersichtlich, dass es schwer ist, den richtigen Weg zu sehen.

 

Ist das ein Eltern-Homeschooling-Burn-Out?

Naja, so oder so ähnlich könnte es schon sein.

Ein Burn Out beschreibt den Zustand, den man empfindet, wenn man mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen die Anforderungen (Ansprüche, Erwartungen, Verantwortlichkeiten) nicht mehr erfüllen kann. Eine amerikanische Psychologin, die zum Thema forscht, schreibt:

„Even at the best of times, when the world is not experiencing a pandemic, many parents experience stress specifically related to their roles as parents.“
(Griffiths, 2020).

Was meint sie damit? Letztendlich sagt sie, dass es keine Pandemie braucht, damit Eltern sich am Rande der Erschöpfung wiederfinden. Griffiths gibt uns sozusagen allen die Normalitätsdiagnose. Das heißt: Es ist normal, dass wir uns so fühlen. Wir sind in bester Gesellschaft. Dass diese Information erstmal nicht weiterhilft, ist mir klar.

Man geht mittlerweile davon aus, dass 5-20% der Eltern, die unter Stress leiden, der auf Familien- und Elternthemen beruht, tatsächlich auch ein Burn-Out erleiden (Griffiths, 2020). Das kann sich als körperliche und mentale Erschöpfung, psychosomatische Symptome wie z.B. Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, als Mutter oder Vater nicht kompetent genug zu sein usw. zeigen.

 

Was können wir denn bloß tun, um nicht unterzugehen oder zu verbrennen?

Als ich mit der fünften Mama gesprochen habe, fiel mir ein Vergleich ein. Mit dem Homeschooling ist es vielleicht wie mit dem Essen: Wir können es ohne Sinn und Verstand, mit Druck, schlechter Laune und Stress runterschlingen. Dann ist uns eben schlecht. Oder wir nehmen uns Zeit, machen langsam, sind achtsam, gelassen und voll bei der Sache. Dann ist es wahrscheinlicher, dass wir im Gleichgewicht bleiben.

Das klingt einfacher als es ist. Oder komplett gaga. Aber ich wage ab morgen das Experiment.

Eine Sache ganz machen, da sein, präsent sein. Eines nach dem anderen machen. Das ist vielleicht das Einzige, was wir Eltern tun können. Dass die Ergebnisse nicht immer perfekt sind, dass man an manchen Tagen nicht alles schafft, ist eben der Preis für diese Art der Burn-Out-Vermeidung. Der Preis dafür, dass wir die Eltern-Kind-Beziehung schützen.

 

Hier noch ein paar Tipps, die Eltern mir als wirkungsvoll zurückgemeldet haben:

  • Als allererstes das eigene Stresslevel senken, bevor ich irgendetwas anderes mache oder sage! (Da frage ich gerne: Haben SIE heute schon etwas gegessen? getrunken? Geschlafen? Waren Sie an der frischen Luft). Nur dann können Eltern ihren „Eltern-Job“ wahrnehmen: nämlich mit Souveränität, Ehrlichkeit, Freude und Präsenz Eltern zu sein.
  • Dinge und Themen von der Liste streichen!
  • Schulthemen von Familienthemen trennen. Damit stellen wir sicher, dass wir das Verhältnis zu unseren Kindern nicht dauerhaft beschädigen. Das heiß zum Beispiel: Wenn es im home-schooling heute nicht gut gelaufen ist, darf das meinen Kontakt zu meinem Kind nicht negativ beeinträchtigen. Schulstress ist eben nicht geich Familienstress!
  • Unbedingt den Fokus auch auf die Beziehung legen: Schöne Dinge fest einplanen und sich selbst und den Kindern gönnen!
  • Auf Mittel von Macht verzichten (keine Drohung, keine Erpressung wie „wenn keine Hausaufgaben, dann kein xy“, BITTE KEINE GEWALT).

 

Was können Sie als Eltern konkret tun, wenn Sie im Moment mit ihren Schulkindern keine Kooperation mehr herstellen können?

  • Struktur geben (Tagespläne, Rituale, Abläufe, die allen Beteiligten angemessen und einsehbar sind): das gibt Kindern Sicherheit und Orientierung. Seien Sie verlässlich, ohne dabei zu unflexibel zu werden.
  • Eltern können für eine positive Atmosphäre sorgen, in der sich alle gerne aufhalten: grundsätzliches Wohlwollen dem Kind gegenüber zeigen durch Zeit, Zuwendung und liebevollen Kontakt. Denn: Nur wer die Beziehung pflegt, darf Kooperation einfordern. (gilt nur für Erwachsene)
  • Seien Sie mutig: Verzichten Sie auf Perfektionismus! Gut genug ist besser als perfekt!
  • Verzichten Sie immer auf Mittel von Macht, Kontrolle und Gewalt, um als elterliche Autorität wirklich und dauerhaft respektiert zu werden.

 

Denken Sie daran: Gelassenheit, nicht Gemachenheit. Das gilt meistens, aber vor allem jetzt.

In diesem Sinne: Alles ist schwierig, bevor es leicht wird. (Saadî)
Herzlichst
Birgit Berthold
Dipl. Psychologin
Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin

 

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen auf www.kimapa.de
Hinweis: Alle Zitate und Beispiele sind so abgewandelt, dass Rückschlüsse auf Personen und Fälle nicht möglich sind.
Quellen:
Griffith, Annette K.: Parental Burnout and Child Maltreatment During the COVID-19 Pandemic, The Chicago School of Professional Psychology, Chicago, IL USA, 23.06.2020.
Nagoski A. and E: Burnout: The Secret to Unlocking the Stress Cycle, 2019.
Tsabary, Shefali: Mit Respekt und Liebe erziehen: Warum Bestrafung bei Kindern nicht hilft und was Sie stattdessen tun sollten, 2016.
Schlippe, Arist von: Werkstattbuch Elterncoaching, 2012.
Von | 2021-01-24T15:18:40+00:00 Januar 24th, 2021|Uncategorized|0 Kommentare